"Zuckerbrot..."
Teil 2
von Beryll & Vagabond
~ Lancelot ~
Einen Kampf gewonnen, aber bei weitem nicht den Krieg. Das war mehr als deutlich. Er mochte vor mir den Blick senken, wie es ein gehorsamer Sklave tun sollte, aber zu einem gehorsamen Sklaven machte ihn das noch lange nicht.
Die glühende Wut in seinen Augen war um keinen Deut gedämpft gewesen, als er sich entschied, sich zu unterwerfen. Von nun an würden die Probleme erst anfangen.
Aber den nächsten Kampf würden wir nicht in aller Öffentlichkeit austragen. Ich ließ ihn los und spürte beinahe Mitleid, als er den Kopf hängen ließ. Irgendwie geschlagen und doch voller Stolz. Er mochte nur ein Römer sein, aber er hatte den Stolz eines Kriegers.
Ich zog meinen Dolch und durchtrennte den Strick, der ihn an den Pflock fesselte. Dann packte ich ihn bei der Schulter und zog ihn auf die Füße. Mit der einen Hand schob ich ihn vor mir her, mit der anderen nahm ich mein Pferd beim Zügel, um beide zu meinem Zelt zu bringen.
Mit einem Anflug von Amüsement bemerkte ich den vorwurfsvoll-arroganten Blick meines Pferdes, als ich es einfach vor dem Zelt stehen ließ. Es war ganz offensichtlich der Ansicht, daß es meine Aufmerksamkeit mehr verdient hätte, als mein neuer Sklave. Damit hatte es vermutlich sogar Recht, aber im Moment war es mein weniger störrisches Eigentum. Auch wenn ich nie gedacht hätte, daß ich das einmal über es sagen würde.
Ich schob meinen widerwilligen Sklaven in mein Zelt, dankbar endlich den neugierigen Blicken meines Stammes entkommen zu sein.
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~ Arthur ~
Selbst sein Pferd schien verächtlich auf mich herabzusehen. Einige Male ließ es ein empörtes Schnauben hören und ich hätte schwören können, daß es hin und wieder einen anklagenden Blick in Richtung seines Herrn warf.
Meine eigene Stute fiel mir ein, die man wahrscheinlich schon längst verkauft hatte. Ein treues Tier, das in manchem Kampf der entscheidende Faktor über Sieg oder Niederlage gewesen war. Welchen Soldaten würde sie jetzt wohl in den Kampf tragen?
Aus dem Augenwinkel sah ich, wie der Sarmate freundschaftlich die Flanke seines Reittieres klopfte, bevor er es vor dem Zelt anband, und plötzlich wurde mir mit aller Deutlichkeit bewusst, was ich alles verloren hatte. Sklave... Ich war weniger als dieses Pferd da. Ein bloßer Gegenstand. Austauschbar.
Ich hatte nicht vor, mich damit abzufinden.
Bevor ich jedoch Zeit hatte, meinen düsteren Gedanken weiter nachzuhängen, wurde ich unnachgiebig durch den Zelteingang geschoben und ein kraftvoller Schubs ließ mich ungewollt einen großen Schritt vorwärts machen. Ich strauchelte nur einen Moment, bevor ich mich wieder fing und sofort versuchte, mich in eine strategisch günstigere Lage zu bringen. Ich mochte gefesselt sein, aber es gab immer Möglichkeiten. Ein unachtsam liegengelassener Dolch, eine brennende Kerze... selbst der winzigste rostige Nagel würde meine Chancen erheblich verbessern.
In der Hoffnung auf genau eine solche Nachlässigkeit
ließ ich meinen Blick hastig durch das Zelt streifen, bemüht, mich
aus der Reichweite des Sarmaten schnellstmöglichst zu entfernen.
Es war eindeutig das Heim eines Kriegers. Nicht übermäßig
eingerichtet, sondern auf Zweckmäßigkeit ausgelegt. Weiter hinten
war eine einzelne einfache Lagerstätte, die aus einem Haufen übereinandergeworfener
Felle bestand, die zum größten Teil auch den Boden bedeckten.
Ein paar hölzerne Schüsseln und Gebrauchsgegenstände
lagen herum, und einige angefangene Stücke bearbeitetes Bein. Ich atmete
rascher, als ich neben einem kleinen beinernen Löffel ein Messer liegen
sah, das er wohl zum Schnitzen verwendete.
Damit ließ sich etwas anfangen. Seine Schwerter trug er natürlich
immer bei sich, und mit dem Jagdbogen, den er an den großen Mittelpfeiler
gehängt hatte, konnte ich nicht wirklich etwas anfangen. Mit den Pfeilen
schon eher...
Meine Augen weiteten sich etwas, als ich den Blick über den wuchtigen Stützpfeiler gleiten ließ. Er war recht kunstvoll bearbeitet, das musste ich zugeben. Seltsame Gesichter und Tiere, die aus dem schweren Holz herausgeschnitzt worden waren, zum Teil in Farben von Rot und Braun bemalt. Sicherlich die heidnischen Götter seines Volkes. Etwas entsetzt wandte ich den Blick schnell davon ab und starrte den Sarmaten an, der während meiner raschen Besichtigung die Schnüre am Zelteingang geschlossen hatte und mich jetzt musterte.
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~ Lancelot ~
Und wieder waren wir zurück beim feindseligen Starren. Seine Phase als unterwürfiger Sklave war so kurz gewesen, wie ich erwartet hatte.
Nur waren wir jetzt allein in meinem Zelt, so daß ich durchaus nicht gezwungen war, auf seine Herausforderung einzugehen, um mir meinem Stamm gegenüber keine Blöße zu geben. Und meine Laune besserte sich mit jeder Sekunde, die ich meinem Blick über meinen Sklaven schweifen ließ.
Er war kräftig gebaut, aber ohne dabei bullig zu wirken. Das seine Hände immer noch auf den Rücken gefesselt waren, brachte höchst vorteilhaft seine Schultermuskulatur zur Geltung. Die lange Reise von Rom hierher hatte dafür gesorgt, daß er genug Gewicht verloren hatte, um ihm eine klar definierte Figur zu geben.
Ein schmales Lächeln verzog meine Lippen, als mir klar wurde, daß die anderen vielleicht den interessantesten Sklaven für mich übrig gelassen hatten. Mochte sein, daß eine hübsche, weiche Sklavin ihnen ein paar Nächte Freude machen würde. Aber wie Thalia so spöttisch gesagt hatte: hart arbeiten würde sie sicherlich nicht. Und wie lange sie hübsch und weich bleiben würde, hier in der sarmatischen Steppe, würde sich noch herausstellen.
Mein Römer dagegen würde sich wohl länger halten.
Wenn es mir irgendwie gelang, ihn zu zähmen.
Noch immer starrte er mich mit seinen zornigen, grünen Augen an und ich fragte mich, wie er wohl in eine solche Situation geraten war. Immerhin waren selbst die ehrlosen Römer nicht unbedingt dafür bekannt, daß sie ihre eigenen Soldaten verkauften.
Seine kampfbereite Haltung mit voller Absicht ignorierend, ging ich an ihm vorbei zu einem Bündel zusammengerollten Leders, das ich hatte eintauschen wollen. Seine Sachen waren nicht dazu gemacht, ihn in der Steppe warm zu halten und sein Hemd war bereits zerrissen und es würde nicht lange dauern, bis die einfache Hose ebenfalls den Geist aufgab.
Ich rollte das Leder aus und sah dann zu ihm hoch.
"Ich nehme nicht an, daß du irgendetwas nützliches kannst..." sagte ich spöttisch, "Nähen zum Beispiel..."
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~ Arthur ~
Sein Blick gefiel mir nicht. Er verriet zu wenig. Was mochte in seinem Kopf nur vorgehen? Erneut musterten mich die dunklen Augen und jetzt umspielte ein leichtes Lächeln seine Lippen. Argwöhnisch wartete ich darauf, was er als nächstes tun würde, mein Körper angespannt und alarmiert, als der Sarmate auf mich zukam. Doch er ging an mir vorbei und hob lediglich ein gut verschnürtes Bündel vom Boden auf, das er zu entrollen begann. Seine nächsten Worte waren jedoch die Kampfansage, auf die ich nur gewartet hatte.
Nähen??!
Was glaubte dieser Sarmate eigentlich? Nur weil ich mit den römischen Sklavinnen zusammen verkauft worden war, hieß das noch lange nicht, daß ich mich zur Hausarbeit eignete.
„Ich bin Soldat. Ich kann *kämpfen*,“ erwiderte ich verächtlich und ließ ihn damit gleich wissen, worauf er sich einzustellen hatte.
Andererseits war es wohl nicht besonders klug, ihm den Eindruck zu geben, total unbrauchbar zu sein. Also fügte ich widerwillig hinzu: „Ich kann eine Rüstung flicken.“ Und leicht sarkastisch setzte ich nach: „Aber wenn du ein hübsches neues Gewand willst, hättest du lieber auf eine der Sklavinnen setzen sollen.“
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~ Lancelot ~
Das war so ziemlich die Antwort, die ich erwartet hatte. Und sein aggressiver Tonfall war keine Überraschung.
Das er Rüstungen flicken konnte, war auch nicht weiter überraschend. Vermutlich konnte er sich auch um mein Pferd kümmern. Obwohl er wohl eher versuchen würde, damit zu fliehen. Erneut musste ich lächeln. Da würde er bei meinem Pferd kein Glück haben. Aber dieses Experiment mussten wir nicht jetzt machen.
"Eine Sklavin hätte ich sicher nicht haben wollen, weil sie so gut nähen kann." sagte ich amüsiert, was er mit einem verächtlichen Knurren beantwortete.
Ich ließ mich mit gekreuzten Beinen auf meinem Lager nieder. Während ich mein Nähzeug auspackte, beobachtete ich ihn, wie er unruhig von einem Bein aufs andere trat. Von hier unten hatte ich einen guten Blick und was ich sah, gefiel mir immer mehr.
Nachdem ich ein Stück Leder ausgewählt hatte, aus dem sich mit wenig Aufwand eine stabile Hose machen ließ, begann ich mit der Arbeit.
"Aber ich schätze, dafür bist auch nicht zu gebrauchen." sagte ich, ganz auf das Leder konzentriert, seine Reaktion aber aus den Augenwinkeln beobachtend.
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~ Arthur ~
Ich fühlte mich erschöpft und müde und kam beinahe um vor Durst. Meine malträtierten Rippen schmerzten. Dennoch ließ es mein Instinkt nicht zu, in meiner Aufmerksamkeit nachlässig zu werden. Nur zu gern hätte ich mich irgendwo in ein stilles Eck fallen lassen, aber ich wusste, daß ich stehend beweglicher war und besser gewappnet. Wogegen auch immer.
Der Sarmate hingegen hatte es sich auf seinem Lager gemütlich gemacht und tat genau das, was ich noch eben zuvor spöttisch als Frauenarbeit abgetan hatte. - Er begann zu nähen. Und das auch noch unglaublich geschickt.
Ein wenig sprachlos beobachtete ich, wie unter seinen Händen das Leder schnell und effektiv zu einer Art Hose zusammengefügt wurde. Er schien sehr konzentriert dabei, aber dennoch wurde ich das Gefühl nicht los, daß er mich sehr genau im Auge behielt. Noch konnte ich es nicht wagen, an Flucht zu denken.
Ich machte mir nicht die Mühe auf seinen Scherz über den ‚Gebrauch römischer Sklavinnen’ zu antworten. Wenn sie nicht gerade kämpften, dachten diese Wilden wahrscheinlich Tag und Nacht an nichts anderes. Worin sie sich zugegeben wohl nicht allzu sehr von römischen Soldaten unterschieden.
„...schätze dafür bist du auch nicht zu gebrauchen,“
drang seine Stimme zu mir herüber, und riss mich aus meinen Gedanken.
Ich fauchte empört, mich unbewusst alarmiert anspannend und funkelte
ihn an. Innerlich verdammte ich erneut diejenigen, die mich in diese Situation
gebracht hatten.
Ich hatte gedacht, man würde mich als Soldaten verkaufen, um in den ewigen Auseinandersetzungen zwischen den sarmatischen Stämmen zu kämpfen. Ich hatte mich sogar schon halb damit abgefunden, als Haussklave dieses Sarmaten mein Dasein zu fristen. - Solange bis ich ihm bei passender Gelegenheit die Kehle durchschnitt natürlich. Doch *dafür* würde ich mich mit Sicherheit nicht benutzen lassen!
Hatte ich ihn zunächst ‚nur’ verachtet, fühlte ich jetzt richtiggehend Hass in mir aufsteigen. Er würde mich nicht brechen, das schwor ich mir.
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~ Lancelot ~
Wieder genau die Reaktion, die ich erwartet hatte. Schade eigentlich. Der Gedanke seine grünen Augen im Feuer der Leidenschaft erglühen zu sehen, war verlockend.
Natürlich gab es immer noch die Option mir mit Gewalt zu nehmen, was ich wollte, aber dann würde ich ihm seine Fesseln wohl nie abnehmen können und nie wieder schlafen ohne Angst zu haben, daß er sich irgendwie befreite und mir die Kehle durchschnitt. Bezaubernde Aussichten.
Er schien wild entschlossen, bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit zu fliehen, oder etwas ähnlich Dämliches zu unternehmen.
Anscheinend war es dringend nötig, da ein paar Dinge für ihn gerade zu rücken.
"Pass mal auf, Sklave," sagte ich, ohne dabei meine Arbeit zu unterbrechen, "mir ist schon klar, daß du sicherlich nicht freiwillig hier bist und dir müsste auch eigentlich klar sein, daß du ganz sicher nicht der Sklave bist, den ich mir gewünscht hätte. Aber nun müssen wir eben miteinander klarkommen. Solange du dich aufführst wie ein wütendes Tier, kann ich dich nur so behandeln. Das gefällt dir nicht und du bist für mich nutzlos."
Ich sah zu ihm hoch und seufzte leise. "Denk mal über deine Situation nach: Selbst wenn es dir gelingen sollte, mich zu töten und mein Pferd zu stehlen, was glaubst du wie deine Chancen sind, meinem ganzen Stamm zu entkommen? Und angenommen du schaffst selbst das, wo würdest du hingehen? Deine Leute haben dich verkauft. Willst du zu denen zurück? Scheint nicht so, als wollten sie dich."
In seinem Gesicht konnte ich deutlich ablesen, wie genau ich getroffen hatte. Meine Worte schmerzten ihn.
"Und wenn du nicht in der Lage bist, dich mit deiner Situation abzufinden," ich zuckte die Schultern, "dann wird wohl doch nichts anderes übrig bleiben, als dich zu töten." Und in meiner Stimme klang deutlich mit, wie schade ich das finden würde.
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~ Arthur ~
Er hatte Recht und das war das Schlimmste. Rom hatte mich einfach verkauft. Zurück zu gehen, hieß zu sterben. Oder erneut verkauft zu werden.
Nein, ich konnte nie wieder zurück.
Mein Herz krampfte sich zusammen, als ich an mein Zuhause dachte. Ich hatte es während all der Jahre, die ich als Soldat auf dem Schlachtfeld kämpfte, selten genug zu Gesicht bekommen. Doch stets hatte mir die Erinnerung an Daheim Kraft gegeben, ein Ziel, dem ich entgegenfiebern konnte, wenn meine Tage nur aus Blut, dem Geräusch klirrender Schwerter und dem Geschrei von Verwundeten bestanden.
Jetzt gab es nichts mehr, an das ich mich klammern konnte.
Die Erkenntnis legte sich wie ein schweres Gewicht auf mich, und ich ließ die Schultern hängen, während mein Kopf sich unwillkürlich in neu aufkeimender Verzweiflung senkte. Meine Wange, die sich nach dem Tritt geschwollen und heiß anfühlte, pochte und schmerzte, und machte mir die Hoffnungslosigkeit meiner Lage nur noch mehr bewusst.
Sollte ich mich denn wirklich einfach so in mein Schicksal ergeben? Vergessen, wer ich einmal gewesen war, meinen Stolz begraben, und mich damit abfinden ein Sklave zu sein, nur um zu leben?
Am Ende siegte meine Vernunft. Es war klüger, sich zunächst zu fügen. Dann, wenn ich die Gegebenheiten hier besser kannte, würde es leichter sein, einen Plan zur Flucht zu entwickeln. Noch war ich nicht bereit aufzugeben.
Schweigend beobachtete ich, wie seine schlanken Finger die grobe Nadel durch das Leder stachen.
„Was willst du, daß ich für dich tue?“ fragte ich schließlich und sah ihn für einen Moment überrascht in seiner Arbeit innehalten. Beinahe erwartete ich, daß er nun doch entschied, sich meiner zu entledigen. Schließlich konnte ich beim besten Willen nicht sehen, wie ich für ihn von Nutzen sein konnte.
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